Mandy Anclam ist 32 Jahre alt, zweifache Mutter und kurz vor dem Berufsabschluss. Die Salzgitteranerin absolviert ihre Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik beim Lkw- und Bushersteller MAN. Möglich macht das ein Teilzeitmodell, das rechtlich seit Jahren verankert ist, aber kaum genutzt wird.
Ausbildung und Familie: Ein schwieriger Spagat
Für viele Mütter ohne Berufsabschluss ist der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben schwierig. Kinderbetreuung, Schulzeiten und Vollzeitanforderungen lassen sich oft nicht vereinbaren. Genau hier setzt die Teilzeitausbildung an. Die tägliche oder wöchentliche Arbeitszeit wird reduziert. Im Gegenzug verlängert sich die Ausbildungsdauer.
Das Berufsbildungsgesetz erlaubt diese Flexibilität ausdrücklich. Voraussetzung ist, dass Auszubildende einen berechtigten Grund vorweisen können. Kinderbetreuung zählt dazu. Auch die Pflege von Angehörigen oder eine Behinderung können als Grund anerkannt werden.
Wenig bekannt, wenig genutzt
In Niedersachsen greifen bislang nur wenige Betriebe und Auszubildende auf dieses Modell zurück. Das liegt nicht am fehlenden Bedarf. Experten sprechen von mangelnder Bekanntheit auf beiden Seiten. Viele Unternehmen wissen nicht, dass das Modell existiert. Viele Mütter wissen nicht, dass sie einen Anspruch darauf haben könnten.
Erfahrungsberichte aus der Praxis zeigen: Fast ausschließlich Frauen nutzen die Teilzeitausbildung. Laut Fachleuten aus der Berufsberatung liegt der Anteil bei nahezu 99 Prozent. Das verdeutlicht, wer in Deutschland nach wie vor den Großteil der Familienarbeit übernimmt.
Betriebe müssen flexibler denken
Der Kunststoffhersteller NIKU im niedersächsischen Nienburg ist ein Beispiel für einen Betrieb, der das Modell aktiv anbietet. Dort konnte eine junge Mutter ihre Ausbildung zur Industriekauffrau in Teilzeit absolvieren. Andere Betriebe folgen dem Beispiel nur zögerlich.
Dabei ist der Fachkräftemangel in vielen Branchen spürbar. Unbesetzte Ausbildungsplätze gibt es bundesweit. Gleichzeitig gibt es junge Erwachsene ohne Abschluss, die gerne arbeiten würden, aber keine passenden Bedingungen finden. Teilzeitausbildung könnte diese Lücke schließen.
MAN Salzgitter geht mit gutem Beispiel voran
Dass ein Großbetrieb wie MAN in Salzgitter diesen Weg mitgeht, ist ein Signal an andere Arbeitgeber. Der Fahrzeughersteller ermöglicht Mandy Anclam, Berufsausbildung und Mutterschaft zu verbinden. Für die 32-Jährige ist das mehr als ein Arbeitsmodell. Es ist ein Weg in die finanzielle Unabhängigkeit.
Die Ausbildungsdauer verlängert sich beim Teilzeitmodell entsprechend der reduzierten Stunden. Wer normalerweise drei Jahre braucht, kann im Teilzeitmodell vier oder mehr Jahre benötigen. Das ist für viele Betroffene ein akzeptabler Kompromiss.
Beratung als Schlüssel
Die Bundesagentur für Arbeit informiert über das Modell und vermittelt bei der Suche nach geeigneten Betrieben. Auch die Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern sind Ansprechpartner. Wer eine Teilzeitausbildung anstrebt, sollte frühzeitig das Gespräch mit potenziellen Ausbildungsbetrieben suchen.
Die Erfahrungen aus Niedersachsen zeigen: Es funktioniert, wenn beide Seiten bereit sind, aufeinander zuzugehen. Der Betrieb braucht Planungsbereitschaft. Der Auszubildende braucht Verlässlichkeit. Beides ist möglich.
Fazit: Ein Modell mit Potenzial
Die Teilzeitausbildung ist kein Nischenprodukt. Sie ist ein ernstes Instrument gegen Fachkräftemangel und für mehr Chancengerechtigkeit. Niedersachsen hat Beispiele, die zeigen, dass es funktioniert. Jetzt müssen mehr Betriebe und mehr Betroffene davon erfahren. Mandy Anclam aus Salzgitter macht vor, was möglich ist.
