Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 läuft, und mit ihr wachsen die Sorgen der Suchtfachleute. In Niedersachsen melden Beratungsstellen steigende Fallzahlen bei Sportwettensucht. Der politische Druck auf den Landtag wächst, Prävention und Spielerschutz neu zu regeln.
Mehr Hilfesuchende in niedersächsischen Beratungsstellen
Sportwetten boomen. Die WM sorgt für Millionenumsätze bei Anbietern. Doch die Schattenseite zeigt sich in den Beratungsstellen des Landes. Fachleute berichten von deutlich mehr Anfragen als in den Vorjahren. Besonders junge Menschen suchen Unterstützung. Vor allem Männer im Alter zwischen 18 und 35 Jahren sind am häufigsten betroffen.
Die Niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen warnte zum WM-Start ausdrücklich vor den Risiken des Wettens. Sportwetten seien gesellschaftlich breit akzeptiert. Genau das mache sie so gefährlich. Wer täglich Quoten verfolgt und mehrfach am Tag wettet, verliere schnell den Überblick über seine Ausgaben.
Suizidgefahr: Die unterschätzte Dimension der Spielsucht
Sucht-Expertin Sophie Schmid ordnet die Lage ein: Glücksspielsucht gehöre zu den Erkrankungen mit dem höchsten Suizidrisiko überhaupt. Sportwetten seien heute rund um die Uhr verfügbar, per Smartphone, in Sekundenschnelle. Die Hemmschwelle, eine Wette zu platzieren, sei auf einem historischen Tiefstand.
Hinzu kommt die aggressive Werbung der Anbieter. Während großer Sportereignisse sind Werbespots für Wettportale allgegenwärtig. Landesstellen für Suchtfragen fordern deshalb bundesweit ein Werbeverbot. Sie kritisieren, die Werbung sei oft irreführend und verschweige systematisch die Risiken.
Jugendschutz als offene Flanke
Ein weiteres Problem ist der Jugendschutz. Trotz gesetzlicher Altersgrenzen gelingt es Minderjährigen vielfach, Zugang zu Online-Wettplattformen zu bekommen. Kontrollen funktionieren in der Praxis unzureichend. Die digitale Verfügbarkeit erschwert eine wirksame Altersverifikation.
Suchtfachleute betonen, dass das Gehirn junger Menschen besonders anfällig für Suchtverhalten sei. Wer früh mit dem Wetten beginnt, trägt ein deutlich höheres Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln.
Landtag Hannover: Politischer Druck steigt
Im niedersächsischen Landtag in Hannover gerät das Thema Spielerschutz stärker in den Fokus. Abgeordnete mehrerer Fraktionen fordern eine Neuregelung. Konkret geht es um strengere Werbebeschränkungen, eine bessere Finanzierung der Präventionsarbeit und wirksamere Sperrsysteme für Spielsüchtige.
Das bundesweite Sperrsystem OASIS soll Spielsüchtige vom Zugang zu Glücksspielangeboten ausschließen. In der Praxis klagen Fachleute jedoch über Lücken. Nicht alle Anbieter sind vollständig angebunden. Illegale Plattformen umgehen das System ohnehin.
Prävention: Zu wenig Geld, zu wenig Personal
Suchtberatungsstellen in Niedersachsen klagen über fehlende Ressourcen. Die Nachfrage steigt, doch die Mittel bleiben knapp. Fachstellen berichten von langen Wartezeiten. Wer Hilfe sucht, bekommt sie oft nicht sofort. Das ist ein strukturelles Problem, das die Politik bisher nicht gelöst hat.
Mehrere Landesstellen fordern deshalb eine Abgabe der Wettanbieter, die direkt in die Suchtprävention fließt. Das Modell gibt es in anderen europäischen Ländern bereits. In Deutschland scheitert eine solche Lösung bisher an politischen Widerständen.
WM als Brennglas für ein strukturelles Problem
Die Weltmeisterschaft macht ein dauerhaftes Problem sichtbar. Sportwetten sind legal, lukrativ und leicht zugänglich. Die gesellschaftlichen Folgekosten tragen vor allem die Betroffenen und das Sozialsystem. Niedersachsen braucht mehr Geld für Prävention, wirksame Werberegeln und einen funktionierenden Spielerschutz. Der Handlungsbedarf ist bekannt. Gehandelt wurde bisher zu wenig.
