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Ab 2028 will der italienische Hochgeschwindigkeitsanbieter Italo auf deutschen Bahnstrecken fahren. Das klingt nach mehr Wettbewerb und günstigeren Tickets. Für Niedersachsen stellt sich die Lage jedoch anders dar. Das Flächenland befürchtet, dass Pendler in ländlichen Regionen am Ende schlechter dastehen als zuvor.
Italo greift die Deutsche Bahn an
Italo ist in Italien einer der größten Konkurrenten der staatlichen Eisenbahn. Der Konzern betreibt Hochgeschwindigkeitszüge und hat Milliarden in seine Flotte investiert. Nun plant das Unternehmen den Sprung nach Deutschland. Auf zwei besonders nachgefragten Strecken will Italo ab 2028 stündliche Verbindungen anbieten. Dabei nimmt der Konzern direkt die profitabelsten Korridore ins Visier.
Die Bundesnetzagentur hat die Deutsche Bahn bereits verpflichtet, auf stark frequentierten Fernverkehrsstrecken mehr Trassen für Wettbewerber freizugeben. Das schafft die rechtliche Grundlage für den Markteintritt von Italo. Die Deutsche Bahn warnt jedoch vor Folgen für ihr Angebot in der Fläche.
EVG: 16 Städte könnten Verbindungen verlieren
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft hat die möglichen Auswirkungen analysiert. Das Ergebnis ist deutlich: In bis zu 16 Städten könnten Verbindungen wegfallen oder sich verschlechtern. Die Gewerkschaft befürchtet, dass die Deutsche Bahn ihr Angebot auf weniger rentablen Strecken ausdünnt, wenn Konkurrenten die lukrativen Korridore übernehmen.
Torsten Rathsmann, EVG-Landesvorsitzender für Niedersachsen, bringt die Sorge auf den Punkt: Ein Flächenland wie Niedersachsen könne sich eine Bahn, die nur dort fahre, wo es sich für Investoren lohne, schlicht nicht leisten.
Niedersachsen: Strukturschwache Regionen besonders betroffen
Niedersachsen ist eines der größten Flächenländer Deutschlands. Im Harz, an der Küste, im Emsland und im Wendland liegen zahlreiche Regionen, die ohnehin nur schwach an das Fernverkehrsnetz angebunden sind. Für Pendler dort ist die Bahn oft die einzige Alternative zum Auto.
Wenn Italo die einträglichen Verbindungen zwischen Großstädten übernimmt, fehlen der Deutschen Bahn Einnahmen. Diese Quersubventionierung sichert bislang auch Strecken, die für sich genommen kaum rentabel sind. Fällt sie weg, drohen Streichungen im ländlichen Raum.
Wettbewerb gut, Rosinenpickerei schlecht
Grundsätzlich ist mehr Wettbewerb auf der Schiene politisch gewollt. Günstigere Preise und besserer Service sind das Versprechen. Doch Verkehrsökonomen unterscheiden zwischen echtem Wettbewerb und sogenanntem Rosinenpicken. Wer nur auf Hochglanzstrecken fährt und den Rest dem Staatsunternehmen überlässt, entlastet den Steuerzahler nicht, sondern belastet ihn am Ende mehr.
Die Deutsche Bahn selbst warnt, dass der Wettbewerb auf Hochgeschwindigkeitsstrecken zu Überlastungen führen kann. Jede zusätzliche Trasse für Italo ist eine Trasse, die anderen Zügen fehlt. Das Schienennetz in Deutschland ist vielerorts bereits an seiner Kapazitätsgrenze.
Politik gefordert: Klare Regeln für den Marktzugang
Niedersachsen fordert deshalb klare Rahmenbedingungen. Wer auf deutschen Schienen Geld verdienen will, muss auch einen Beitrag zur Grundversorgung leisten. Dieses Prinzip gilt im Bereich der Daseinsvorsorge für viele andere Branchen. Für den Bahnverkehr fehlen bislang verbindliche Regeln.
Der Bund ist gefragt. Die Bundesnetzagentur regelt den Trassenauftrag, aber kein Gesetz schreibt Fernverkehrsanbietern vor, auch strukturschwache Regionen zu bedienen. Solange das so bleibt, entscheiden allein betriebswirtschaftliche Kalkulationen darüber, wer einen Fernzug bekommt und wer nicht.
Wettbewerb braucht Spielregeln
Der Markteintritt von Italo ist kein Problem an sich. Mehr Anbieter können die Qualität steigern und Preise senken. Doch der Bahnmarkt ist kein normaler Markt. Er hängt an öffentlicher Infrastruktur und erfüllt eine gesellschaftliche Aufgabe. Wer nur die Filetstücke nimmt, darf nicht erwarten, dass andere die Reste finanzieren. Ohne verbindliche Gegenleistung droht das Bahnfahren im ländlichen Niedersachsen teurer oder seltener zu werden.
