In Sehnde, einer Stadt östlich von Hannover, hat ein Gänsegeier ein Storchennest attackiert und die darin befindlichen Jungstörche gefressen. Der Greifvogel vertrieb zunächst die Elterntiere. Dann griff er die schutzlosen Jungtiere an. Naturschützer stufen den Vorfall als höchst ungewöhnlich ein.
Angriff auf wehrlose Jungvögel
Der Ablauf des Angriffs folgte einem klaren Muster. Der Gänsegeier flog das besetzte Storchennest in Sehnde an. Die Elterntiere wurden durch den deutlich größeren Vogel vom Nest vertrieben. Die Jungstörche blieben schutzlos zurück. Der Greifvogel fraß sie anschließend.
Gänsegeier ernähren sich normalerweise von Aas. Sie greifen in der Regel keine lebenden Tiere an. Genau deshalb sorgt der Vorfall in Sehnde für Aufsehen unter Experten. Der Naturschutzbund Deutschland bezeichnet den Angriff als absolut außergewöhnlich.
NABU: Mehr Geier in Deutschland
Der Naturschutzbund Deutschland ordnet den Vorfall in einen größeren Zusammenhang ein. Laut NABU hält sich eine wachsende Zahl von Gänsgeiern in Deutschland auf. Die Vögel stammen ursprünglich aus Südeuropa und Nordafrika. Junge, noch nicht brütende Tiere streifen weit durch Europa.
In den vergangenen Jahren wurden Gänsegeier häufiger auch in Norddeutschland gesichtet. Niedersachsen liegt dabei an der nördlichen Grenze des gelegentlichen Vorkommens. Eine dauerhafte Ansiedlung gibt es hier nicht. Einzelne Tiere auf Wanderschaft sind jedoch keine Seltenheit mehr.
Ähnliche Vorfälle auch außerhalb Niedersachsens
Sehnde ist kein Einzelfall. Auch aus Bayern wurde ein ähnlicher Vorfall bekannt. In der Gemeinde Eslarn attackierte ein Gänsegeier einen Jungstorch in einem besetzten Horst. Dort konnten die Altstörche den Eindringling mit Verstärkung vertreiben. Für einen der Jungstörche kam die Hilfe zu spät.
Solche Vorfälle zeigen, dass Gänsegeier in Ausnahmesituationen auch lebende Beute attackieren können. Ob es sich dabei um Fehlverhalten einzelner Tiere handelt oder um ein verändertes Verhaltensmuster, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Störche in Niedersachsen unter Beobachtung
Der Weißstorch gilt als Wappentier vieler niedersächsischer Gemeinden. Sein Bestand hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erholt. Naturschützer beobachten die Nester während der Brutzeit intensiv. Störche sind durch das Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt.
Der Bestand in Niedersachsen ist grundsätzlich stabil. Lokale Verluste durch ungewöhnliche Ereignisse wie den Angriff in Sehnde belasten einzelne Brutpaare erheblich. Pro Saison ziehen Storchenpaare in der Regel zwei bis vier Junge groß. Fällt ein Gelege oder ein Wurf vollständig aus, ist eine Nachbrut in der Regel nicht mehr möglich.
Fazit
Der Vorfall in Sehnde ist naturwissenschaftlich bemerkenswert. Ein Aasfresser greift lebende Jungvögel an, vertreibt die Elterntiere und tötet den gesamten Nachwuchs. Für das betroffene Storchenpaar bedeutet das den Ausfall der gesamten Brutsaison. Der NABU beobachtet die Ausbreitung der Gänsegeierpopulation weiter. Ob solche Angriffe künftig häufiger vorkommen, bleibt eine offene Frage für die Vogelforschung.
