Zwei niedersächsische Unternehmen schreiben Industriegeschichte. Der Energieversorger EWE und der Stahlhersteller Salzgitter AG haben in Berlin den nach eigenen Angaben bisher größten Wasserstoff-Liefervertrag Deutschlands unterzeichnet. Ab 2030 will EWE jährlich rund 10.000 Tonnen grünen Wasserstoff an die Salzgitter Flachstahl GmbH liefern. Der Vertrag gilt als erstes großes Abnahmeabkommen zwischen Energiewirtschaft und Industrie in Deutschland.
Emden als Produktionsstandort, Salzgitter als Abnehmer
Der Wasserstoff soll in einer neuen Elektrolyseanlage in Emden produziert werden. EWE plant dort den Aufbau einer großen Produktionskapazität. Der Strom für die Elektrolyse soll aus erneuerbaren Quellen stammen, damit der Wasserstoff als grün gilt. Den Transport übernimmt das geplante Wasserstoff-Kernnetz. Über diese Leitungsinfrastruktur gelangt der Wasserstoff dann zum Stahlwerk nach Salzgitter.
Der Stahlstandort Salzgitter liegt rund 300 Kilometer von Emden entfernt. Genau für solche Transportwege wird das bundesweite Kernnetz ausgelegt. Es soll bis 2032 schrittweise in Betrieb gehen. Der Vertrag zwischen EWE und Salzgitter ist damit auch ein Signal an die Netzbetreiber: Die Nachfrage ist vorhanden.
Dekarbonisierung der Stahlproduktion als Ziel
Die Salzgitter AG verfolgt seit Jahren ein ambitioniertes Umbauprogramm. Unter dem Namen SALCOS soll die Stahlproduktion schrittweise von Kohle auf Wasserstoff umgestellt werden. Hochöfen, die mit Koks betrieben werden, sollen durch Direktreduktionsanlagen ersetzt werden. Diese Anlagen nutzen Wasserstoff, um Eisenerz zu reduzieren. Das Ergebnis ist Stahl ohne fossile Brennstoffe.
Der Prozess ist technisch ausgereift, aber aufwendig. Die Anlage benötigt große Mengen Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen. Genau das soll der langfristige Liefervertrag mit EWE sicherstellen. Planungssicherheit auf beiden Seiten ist die Grundvoraussetzung für solche Investitionen.
Unterzeichnung in Berlin mit politischer Begleitung
Die Vertragsunterzeichnung fand in Berlin statt. Neben EWE-Chef Stefan Dohler und Salzgitter-Vorstandsvorsitzendem Gunnar Groebler war auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies anwesend. Bundeswirtschaftsstaatssekretärin Gitta Connemann vertrat die Bundesregierung. Die politische Präsenz zeigt den Stellenwert, den beide Seiten dem Abkommen beimessen.
Lies bezeichnete den Vertrag als wichtiges Signal für den Industriestandort Niedersachsen. Beide Unternehmen haben ihren Hauptsitz im Land. EWE stammt aus Oldenburg, die Salzgitter AG aus der gleichnamigen Stadt im Süden Niedersachsens.
Hürden bleiben: Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit
Trotz der Euphorie bleiben konkrete Herausforderungen. Das Wasserstoff-Kernnetz ist noch nicht gebaut. Die Elektrolyseanlage in Emden ist noch nicht in Betrieb. Und die Wirtschaftlichkeit von grünem Wasserstoff hängt stark vom Strompreis ab.
Grüner Wasserstoff ist heute deutlich teurer als konventioneller Wasserstoff aus Erdgas. Die Industrie hofft auf sinkende Kosten durch Skaleneffekte und fallende Strompreise. Politische Rahmenbedingungen wie Förderung und CO2-Bepreisung spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle.
Auch der Zeitplan ist anspruchsvoll. Bis 2030 müssen Anlage, Netz und Abnahmeprozesse beim Stahlwerk gleichzeitig einsatzbereit sein. Verzögerungen bei einem der drei Elemente würden den gesamten Plan gefährden.
Signalwirkung für andere Branchen
Fachleute sehen den Vertrag dennoch als wichtigen Präzedenzfall. Bisher scheuten viele Unternehmen langfristige Bindungen, weil die Unsicherheiten zu groß erschienen. Ein abgeschlossener Großvertrag kann andere Akteure ermutigen, ähnliche Vereinbarungen zu treffen. Das würde den Hochlauf der gesamten Wasserstoffwirtschaft beschleunigen.
Chemie, Zement, Glas: Viele energieintensive Industrien suchen nach Alternativen zu fossilen Brennstoffen. Wasserstoff gilt für Prozesse, die sich nicht elektrifizieren lassen, als einzige realistische Option. Ob der Rohstoff in ausreichender Menge und zu tragbaren Preisen verfügbar sein wird, entscheidet über den Erfolg der gesamten Transformation.
Fazit: Vertrag schafft Fakten, Fragen bleiben offen
EWE und Salzgitter haben mit ihrer Vereinbarung ein klares Bekenntnis zur Wasserstoffwirtschaft abgegeben. 10.000 Tonnen pro Jahr, Lieferbeginn 2030, Transport über das Kernnetz: Die Parameter sind konkret. Ob der Plan wie geplant umgesetzt werden kann, hängt von Infrastruktur, Technik und Politik ab. Niedersachsen hat damit jedoch als erstes Bundesland einen belastbaren industriellen Wasserstoffvertrag vorzuweisen.
