Wo kein Linienbus mehr fährt, übernehmen Freiwillige das Steuer. In Westerstede, einer Kreisstadt mit rund 24.000 Einwohnern im Landkreis Ammerland, funktioniert das seit Jahren. Der BürgerBus Westerstede e.V. verbindet Ortschaften abseits der Hauptstrecken mit dem öffentlichen Nahverkehr. Geld verdient dabei niemand.
Ein Verein füllt die Lücken im Nahverkehr
Westerstede liegt rund 20 Kilometer nordwestlich von Oldenburg. Züge halten dort seit Langem nicht mehr. Der reguläre ÖPNV deckt die Fläche nur begrenzt ab. Genau hier setzt der BürgerBus an.
Jens Rowold gründete den Verein mit dem Ziel, auch entlegene Orte ans Netz anzubinden. Ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer übernehmen den Betrieb, Montag bis Samstag. Das Angebot richtet sich an alle, die auf den Bus angewiesen sind.
Der Verein betreibt auch eine Mobilitätszentrale in der Innenstadt. Dort können Fahrgäste Tickets für Bus und Bahn kaufen. Die Beratung ist kostenlos. Das Angebot existiert, obwohl Westerstede seit Jahren keinen Bahnhof mehr hat.
Günstig, aber aufwendig
Den Bürgerbus bezeichnet man als kostengünstigste Möglichkeit, ÖPNV in die Fläche zu bringen. Die Betriebskosten sind niedrig, weil keine Löhne für Fahrer anfallen. Der Verein ist gemeinnützig. Einnahmen fließen zurück in den Betrieb.
Doch das Modell hat seinen Preis. Es setzt erhebliches ehrenamtliches Engagement voraus. Ohne genügend Freiwillige fährt kein Bus. Die Rekrutierung und Bindung von Ehrenamtlichen bleibt daher eine dauerhafte Aufgabe.
Rowold selbst beschreibt den Bürgerbus als zentralen Teil seines Lebens. Der Verein braucht Menschen, die verlässlich und regelmäßig zur Verfügung stehen. Das ist auf dem Land keine Selbstverständlichkeit.
Landesweites Interesse wächst
Das Westersteder Modell gilt inzwischen als Referenzprojekt. Die Agentur Landmobil berät Kommunen bei der Einführung von Bürgerbussen. Ihr Ansatz hat sich bereits in mehreren Bundesländern bewährt. Bis Ende 2026 soll das Beratungsangebot auch in Niedersachsen ausgebaut werden.
Ziel ist es, die Zahl aktiver Bürgerbusse im Land zu erhöhen. Besonders im kleinteiligen ländlichen Raum soll das Angebot wachsen. Die Fahrgastzahlen der Bürgerbusse im Verbundgebiet des Verkehrsverbunds Bremen/Niedersachsen steigen seit Jahren kontinuierlich.
Mobilität als Gemeinschaftsaufgabe
Hinter dem Konzept steht eine einfache Idee: Mobilität auf dem Land ist keine Aufgabe allein für Staat und Verkehrsunternehmen. Bürgerinnen und Bürger können selbst Verantwortung übernehmen. In Westerstede funktioniert das konkret und nachweisbar.
Der BürgerBus verbindet Haltestellen, aber auch Menschen: ältere Fahrgäste, die keinen Führerschein mehr haben, Familien ohne zweites Auto, Jugendliche in Dörfern ohne eigene Busanbindung.
Herausforderung: Nachwuchs für das Ehrenamt
Die größte Schwachstelle des Modells bleibt die Abhängigkeit von Freiwilligen. Fällt eine Fahrerin aus, muss Ersatz gefunden werden. Der Verein in Westerstede hat dafür Strukturen aufgebaut. Andere Kommunen müssen diesen Aufbau erst leisten.
Ohne verlässliche Ehrenamtsstruktur bleibt der Bürgerbus ein gutes Konzept auf dem Papier. Mit ihr wird er zu einem tragenden Element ländlicher Mobilität.
Übertragbares Modell mit klaren Grenzen
Westerstede zeigt, dass bürgerschaftliches Engagement Verkehrslücken schließen kann. Das Modell funktioniert dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Landmobil und das Land Niedersachsen wollen diesen Ansatz auf weitere Regionen ausdehnen.
Ob das gelingt, hängt nicht allein von politischem Willen und Fördermitteln ab. Es hängt davon ab, ob sich genug Menschen finden, die das Steuer in die Hand nehmen. In Westerstede haben sie es getan.
