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Wo Bundesumweltministerin und Bundeskanzlerin einst gemeinsam ein Zukunftsprojekt einweihten, wächst heute Unkraut. Die Pilotanlage im emsländischen Werlte zur Herstellung von klimaneutralem Kerosin liegt brach. Das Projekt galt einmal als Meilenstein der deutschen Energiewende. Geblieben sind Fragen: Was lief schief, und was bedeutet das für die Klimaziele im Luftverkehr?
Weltpremiere im Emsland
Die Anlage in Werlte war weltweit die erste ihrer Art. Aus Wasser und Strom aus erneuerbaren Quellen stellte sie synthetisches Rohöl her. Die CO2-Ersparnis im Vergleich zu fossilem Rohöl betrug laut Betreiberangaben 96 Prozent.
Die Bundesregierung hatte damals klare Ziele formuliert. Bis 2030 sollten zwei Prozent des in Deutschland getankten Kerosins klimaneutral sein. Werlte sollte dafür ein Fundament legen. Politiker reisten an, Kameras liefen, Bänder wurden durchgeschnitten. Das Projekt stand exemplarisch für Niedersachsens Ambitionen als Energieland.
Vom Vorzeigeprojekt zur verlassenen Anlage
Die Produktion von E-Kerosin ist teuer. Der Energieaufwand für die Herstellung synthetischer Kraftstoffe ist erheblich. Fossiles Kerosin war lange Zeit billiger, damit fehlte der Anlage in Werlte die wirtschaftliche Grundlage für einen dauerhaften Betrieb.
Der Landesrechnungshof Niedersachsen hatte bereits kritisiert, dass das Land in fünf Jahren rund 1,8 Milliarden Euro für Klimaschutzmaßnahmen einsetzte. Die Prüfer monierten dabei erhebliche Defizite bei der Kontrolle der Wirksamkeit. Ob Projekte wie Werlte tatsächlich die erhofften Effekte brachten, blieb demnach unzureichend dokumentiert.
Der Markt für Öko-Kerosin bleibt schwierig
Synthetisches Aviatikbenzin, in der Fachsprache Sustainable Aviation Fuel genannt, hat strukturelle Probleme. Die Herstellung ist energieintensiv. Die Skalierung auf industrielle Mengen gelingt bislang kaum. Und Abnehmer in der Luftfahrt zögerten lange, deutlich höhere Preise zu zahlen.
Die geopolitische Lage könnte das nun verändern. Anhaltende Spannungen am Golf haben fossiles Kerosin knapper und teurer gemacht, was die Wettbewerbssituation für Alternativen verbessert. Ob davon auch Standorte wie Werlte profitieren, ist offen.
Niedersachsen bleibt im Spiel
Das Land setzt weiterhin auf erneuerbare Energien als wirtschaftliches Fundament. Energieminister Christian Meyer diskutierte zuletzt in Berlin mit Vertretern der Branche und dem Bundesenergieministerium über die Zukunft der Offshore-Windenergie. Windstrom aus der Nordsee gilt als Basis für künftige E-Fuel-Produktion.
Niedersachsen hat günstige Voraussetzungen: viel Wind, Küstennähe, industrielle Infrastruktur im Emsland. Das Scheitern von Werlte muss kein endgültiges Urteil über den Standort sein. Es zeigt aber, dass Pilotprojekte ohne tragfähige Finanzierungsmodelle schnell enden.
Lehren aus dem Misserfolg
Der Fall Werlte ist ein Lehrstück. Technologisch war die Anlage ein Erfolg, wirtschaftlich trug sie sich nicht. Dieser Widerspruch kennzeichnet viele frühe Klimaschutzprojekte: Die Technologie funktioniert, die Märkte ziehen nicht mit.
Förderprogramme können Lücken überbrücken, aber keine dauerhaften Verluste ausgleichen. Wer synthetische Kraftstoffe in großem Maßstab produzieren will, braucht günstigeren Grünstrom, höhere CO2-Preise für fossile Alternativen oder beides.
Rechnungshof fordert mehr Kontrolle
Der Landesrechnungshof hat die Landesregierung aufgefordert, Klimaschutzausgaben besser zu kontrollieren. Ambitionierte Ziele allein reichen nicht. Messbare Ergebnisse müssen folgen. Das gilt auch für die Förderung innovativer Energieprojekte.
Niedersachsen gibt viel Geld für den Klimaschutz aus. Der verwaiste Standort in Werlte zeigt, was passiert, wenn Pilotprojekte ohne klare Anschlussperspektive gestartet werden.
Potenzial bleibt, Umsetzung fehlt
Das E-Kerosin aus Werlte war kein Irrweg. Die Anlage bewies, dass die Technologie funktioniert. Doch zwischen Machbarkeit und Marktreife liegt eine große Lücke. Für klimaneutrale Kraftstoffe braucht es wirtschaftlich tragfähige Modelle und konsequente Erfolgskontrolle. Das Unkraut in Werlte sollte dabei als Warnung gelten.
