Die Bundesregierung verschärft die Regeln für Krankschreibungen. Künftig sollen Arbeitnehmer bereits ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft. Das sorgt bundesweit für Streit, auch in Niedersachsen.
Was die Koalition plant
CDU, CSU und SPD haben sich auf ein umfassendes Reformpaket geeinigt. Ein zentraler Punkt ist die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Bisher konnten viele Arbeitnehmer die ersten ein bis drei Tage ohne Attest zu Hause bleiben. Das soll sich ändern.
Die Koalition streicht außerdem die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung. Diese Regelung war ursprünglich in der Corona-Pandemie eingeführt worden und galt zuletzt als dauerhafte Option für unkomplizierte Erkrankungen.
Das Reformpaket enthält weitere Änderungen im Arbeitsrecht, etwa bei Minijobs und bei der Befristung von Arbeitsverhältnissen.
Niedersachsens Hausärzte-Chef sieht es entspannt
Matthias Berndt ist Vorstandsvorsitzender des niedersächsischen Hausärzteverbands. Er bewertet die Pläne weniger dramatisch als viele Kollegen aus anderen Bundesländern. Berndt geht davon aus, dass wer sich krankmelde, in den allermeisten Fällen tatsächlich nicht arbeitsfähig sei.
Damit weicht er von der Linie vieler Hausärzte ab. Bundesweit bezeichnen Vertreter der Ärzteschaft die Pläne als praxisfremd. Der Chef des Hausärzteverbands Blumenthal-Beier spricht gegenüber Medien sogar von katastrophalen Folgen für die Praxen.
Kritik aus Ärzteschaft und Wissenschaft
Die Sorge vieler Hausärzte ist konkret. Wer ab dem ersten Krankheitstag ein Attest braucht, kommt in die Praxis. Mehr Patienten bedeuten mehr Arbeit für ohnehin überlastete Praxen. Viele Hausarztpraxen in Niedersachsen kämpfen bereits mit Ärztemangel und vollen Terminkalendern.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung warnt, die neuen Regeln könnten die Fehlzeiten sogar erhöhen statt senken. Wer krank in die Praxis fährt, steckt andere Patienten an. Wer sich den Arztbesuch scheut, schleppt sich krank zur Arbeit und fällt später länger aus.
Auch Gewerkschaften lehnen die Reform ab. Sie sehen darin ein Misstrauenssignal gegenüber Beschäftigten.
Politische Reaktionen in Niedersachsen
Aus der niedersächsischen Landespolitik kommen ebenfalls kritische Stimmen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte die Abschaffung der Telefonkrankschreibung in der Vergangenheit selbst verteidigt. Nun setzt die neue Koalition in Berlin die Änderungen durch.
Ein Minister auf Bundesebene bezeichnete die Neuregelung laut Medienberichten als absolute Fehlentscheidung.
Was die Änderung für Arbeitnehmer bedeutet
Für Beschäftigte in Niedersachsen gilt: Wer sich krank fühlt, muss künftig sofort zum Arzt. Ein freier Tag ohne Attest ist nicht mehr vorgesehen. Das betrifft vor allem Menschen mit leichten Erkrankungen wie Erkältungen oder Magen-Darm-Infekten.
Für Arbeitnehmer in Regionen mit schlechter Arztversorgung wird das besonders schwierig. Gerade im ländlichen Niedersachsen sind Hausarztpraxen oft überlastet, kurzfristige Termine sind schwer zu bekommen.
Fazit
Die Pläne der Bundesregierung zur Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag sind umstritten. Die Mehrheit der Hausärzte sieht erhebliche Probleme für den Praxisalltag. Das DIW warnt vor dem Gegenteil des gewünschten Effekts. Niedersachsens Hausärzte-Chef Berndt bleibt vergleichsweise gelassen, steht damit aber weitgehend allein. Die Umsetzung der Reform dürfte die Praxen im Land vor erhebliche Belastungen stellen.
