Unterlüß in der Lüneburger Heide wird zum Standort europäischer Raketenproduktion. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall und der US-amerikanische Waffenhersteller Lockheed Martin haben am Rande des NATO-Gipfels in Ankara einen Produktionsdeal verkündet. Kern der Vereinbarung: ATACMS-Kurzstreckenraketen sollen künftig in Deutschland gefertigt werden, erstmals außerhalb der USA.
ATACMS-Raketen: Hintergrund
ATACMS steht für Army Tactical Missile System. Die Kurzstreckenraketen haben eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern und gelten als präzise und kampferprobt. Die Ukraine hat sie im Krieg gegen Russland eingesetzt.
Bisher wurden diese Raketen ausschließlich in den USA produziert. Rheinmetall übernimmt nun die Fertigung in Europa, auf Basis von Entwürfen und Lizenzen von Lockheed Martin. Der Standort ist Unterlüß im Landkreis Celle.
Bereits im April hatten beide Unternehmen ein Abkommen zur Gründung eines gemeinsamen Raketen-Kompetenzzentrums unterzeichnet. Der jetzt verkündete Produktionsdeal ist der nächste Schritt. Neben ATACMS sollen auch Hellfire-Raketen in Deutschland hergestellt werden.
Unterlüß: Rheinmetalls wichtigster Rüstungsstandort
Unterlüß ist kein zufälliger Standort. Das niedersächsische Werk gehört zu den bedeutenden Produktionsstätten von Rheinmetall in Deutschland. Dort werden bereits Munition, Panzersysteme und Wehrtechnik gefertigt.
Rheinmetall baut den Standort seit Jahren aus. Ein neues Werk für die Raketenproduktion ist geplant. Unterlüß hat rund 4.000 Einwohner; Rheinmetall ist dort mit Abstand der größte Arbeitgeber. Genaue Investitionssummen und Stellenzahlen haben die Unternehmen bisher nicht öffentlich genannt.
Für Niedersachsen würde das Vorhaben einen erheblichen wirtschaftlichen Impuls bedeuten, mit Bedarf an Fachkräften, Infrastruktur und Zulieferern.
NATO-Gipfel als Rahmen für europäische Rüstungskooperation
Der Zeitpunkt der Ankündigung ist bewusst gewählt. Beim NATO-Gipfel in Ankara diskutieren die Mitgliedstaaten über die Zukunft der transatlantischen Verteidigungskooperation. Europa soll mehr Verantwortung übernehmen, auch bei der Rüstungsproduktion.
Die USA drängen ihre europäischen Verbündeten seit Jahren, die eigenen Verteidigungskapazitäten auszubauen. Im vorliegenden Deal gibt Washington Technologie frei, während Rheinmetall die Produktion übernimmt.
Rheinmetall hat sich in den vergangenen Jahren vom Automobilzulieferer zum größten europäischen Rüstungskonzern entwickelt. Der Umsatz ist seit 2022 rasant gestiegen, das Unternehmen profitiert von den erhöhten Verteidigungsausgaben in Europa.
Politische Reaktionen
Aus der Bundesregierung kamen positive Signale zu dem Vorhaben. Eine Verlagerung sicherheitsrelevanter Produktion nach Europa gilt als Ziel der deutschen Verteidigungspolitik, um Abhängigkeiten in Lieferketten zu verringern.
Stimmen aus Friedensbewegungen und Teilen der Politik warnen vor einer weiteren Rüstungsspirale. Die geplante Produktion von Angriffsraketen auf deutschem Boden sei eine neue Qualität. Diese Debatte dürfte die politische Diskussion in den kommenden Monaten begleiten.
In Niedersachsen selbst ist die Haltung gegenüber dem Rheinmetall-Standort Unterlüß traditionell gespalten. Wirtschaftliche Interessen stehen sicherheitspolitischen Bedenken gegenüber.
Einordnung
Mit dem Deal werden erstmals ATACMS-Raketen außerhalb der USA produziert, und zwar in Niedersachsen. Ob das politisch gewollt und gesellschaftlich getragen wird, bleibt eine offene Frage.
