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Rund 21.700 Kinder und Jugendliche in Niedersachsen haben 2024 erstmals die Diagnose ADHS erhalten. Das geht aus Daten einer gesetzlichen Krankenkasse hervor. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 13 Prozent. Bundesweit stieg die Zahl der Neudiagnosen um 16 Prozent.
Mädchen holen auf – mit höherem Tempo
Lange galt ADHS als Störung, die vor allem Jungen betrifft. Die neuen Zahlen verschieben dieses Bild. Bei Mädchen stiegen die Neudiagnosen um 15 Prozent, bei Jungen lag der Zuwachs bei 12 Prozent.
Als Erklärung gilt eine veränderte Wahrnehmung in Medizin und Gesellschaft. Mädchen zeigen ADHS oft anders als Jungen: weniger Hyperaktivität, mehr innere Unruhe und Konzentrationsprobleme. Diese Symptome wurden früher seltener erkannt und zugeordnet.
Grundschulkinder und Jungen sind insgesamt die am stärksten betroffene Gruppe. Doch der Abstand zu Mädchen wird kleiner.
Keine neue Krankheit, aber neue Aufmerksamkeit
Fachleute warnen vor vorschnellen Schlussfolgerungen. ADHS ist keine neue Erkrankung, die Störung existiert seit Jahrzehnten. Was sich verändert hat, ist die Bereitschaft zur Diagnose. Eltern, Lehrkräfte und Ärzte erkennen die Symptome heute früher.
Zugleich stellen Fachleute fest, dass sich die Lebensbedingungen von Kindern verändert haben. Die Corona-Pandemie hat Schulalltag, soziale Kontakte und Familienstrukturen belastet. Ob diese Nachwirkungen die Diagnosezahlen treiben, lässt sich nicht abschließend belegen. Die Debatte darüber läuft in der Fachwelt.
Ein weiterer Diskussionspunkt ist der Medienkonsum. Kinder verbringen mehr Zeit vor Bildschirmen als frühere Generationen. Ob das ADHS verursacht oder verstärkt, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.
Versorgung: Wartezeiten als strukturelles Problem
Die steigende Diagnosezahl stellt das Gesundheitssystem vor praktische Probleme. Kinder- und Jugendpsychiater sind in Niedersachsen rar, Wartezeiten auf einen Fachtermin können Monate betragen. In ländlichen Regionen ist die Versorgung besonders dünn.
Das hat Folgen für betroffene Familien. Eltern schildern, dass sie nach der Diagnose oft lange auf therapeutische Unterstützung warten. Schulen stehen in dieser Zeit allein da. Klassen müssen mit Kindern umgehen, deren Bedarf klar ist, deren Behandlung aber noch aussteht.
Dabei gilt ADHS als gut behandelbar. Verhaltenstherapie, Elterntraining und in manchen Fällen medikamentöse Unterstützung zeigen nachweislich Wirkung. Ein früher, koordinierter Zugang zur Versorgung ist dafür Voraussetzung.
Schule als Frühwarnsystem
Lehrkräfte beobachten Kinder täglich über Stunden, Auffälligkeiten im Verhalten kommen dort oft zuerst zum Vorschein. Doch Lehrer sind keine Diagnostiker. Sie können beobachten, nicht urteilen.
In Niedersachsen gibt es Schulberatungsstellen und sonderpädagogische Fachkräfte, die unterstützen können. Deren Kapazitäten sind begrenzt, der Bedarf übersteigt das Angebot.
Fachverbände fordern eine bessere Vernetzung zwischen Schulen, Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie niedergelassenen Ärzten, damit Kinder rechtzeitig die richtige Hilfe bekommen.
Zahlen als Signal
Der Anstieg der ADHS-Diagnosen zeigt, dass mehr Kinder als bisher Unterstützung erhalten. Er bedeutet aber auch, dass das Versorgungssystem mitwachsen muss.
Für Mädchen war ADHS lange schwerer erkennbar. Die neuen Zahlen machen deutlich, dass sich das ändert. Mehr Fachkräfte, kürzere Wartezeiten und eine bessere Vernetzung sind nötig, damit Diagnosen nicht nur halbe Hilfe bleiben.
